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Eine Doppelgemeinde der zwei Geschwindigkeiten von Werner Weber

Die Jahre 2016 und 2017 sind für die Gemeinde Zeltingen-Rachtig zwei besondere Jahre.
Zum Einen jährt sich im Jahre 2016 die erste urkundliche Erwähnung Zeltingens zum 900. Male.
Zum Anderen kann Rachtig 2017 auf 950 Jahre urkundliche Ersterwähnung zurückblicken.  
Zwar hatte ich Mitte Dezember 2015 „Kuniberts Erben“ in die Winterpause geschickt, doch einer Bitte des Bürgermeisters an mich, einige Daten für die Webseite Zeltingen-Rachtigs bezüglich dieser Jubiläen zusammenzustellen, komme ich gerne nach und hole so „Kuniberts Erben“ für einen kurzen Augenblick aus seinem Winterschlaf heraus.  
Es ist wohl unbestritten, dass die Orte Rachtig und Zeltingen schon viele Jahrhunderte vor ihrer Ersterwähnung bewohnt waren. Beiden Ortsnamen wird ein keltischer Ursprung zugewiesen, der in den einstigen Namen „Raphtiacum“ und „Celtanc“ gesehen wird. Da die Kelten 500 Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung ihre ersten Siedlungen an der Mosel errichteten und noch bis ins 4. Jahrhundert in dieser Region keltisch gesprochen wurde, ist davon auszugehen, dass in bzw. vor dieser Zeit beide Orte besiedelt wurden.  
Welcher der beiden Orte zuerst besiedelt wurde, ist nach heutigen Erkenntnissen nicht festzustellen. Ein Zeitpunkt, zu dem Zeltingen und Rachtig erstmals eine Doppelgemeinde bildeten, ist nicht bekannt. Es gibt allerdings Vermutungen, dass beide Orte einst durch den Kölner Bischof Kunibert von Köln (* um 600; † 12. November ca. 664 in Köln) in den Besitz des Kölner Erzbistums gebracht wurde. Überlieferungen besagen, dass Kunibert in Zeltingen-Rachtig geboren sein könnte.  
Während Rachtigs erste schriftliche Erwähnung im Jahre 1067 in einer Urkunde von Erzbischof Anno II von Köln zu finden ist, liest man über Zeltingen erstmals in einer Urkunde des Erzbischofs Friedrich I von Köln im Jahre 1116. Auf beide Urkunden (beide Urkunden findet man heute im Internet im „Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins ...“) verweist die zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste Promotionsarbeit von Dr. Franz Schönberger. Diese Arbeit und die 1836 herausgebrachte „Geschichte der Pfarrei Rachtig“ des Rachtiger Pfarrers Nikolaus Lentz sind leider die einzigen Arbeiten, die mittels umfangreicher Quellennachweise tiefer in die Geschichte der Doppelgemeinde eindringen. So bleibt manches dem Hören und Sagen überlassen.  
Den Studien ist zu entnehmen, dass Zeltingen und Rachtig offensichtlich schon seit vielen Jahrhunderten eine Doppelgemeinde bilden. Jedoch wird auch deutlich, dass beide Ortschaften sich auf sehr unterschiedliche Weise entwickelten. Während Rachtig einst - etwas moselabwärts vom heutigen Standort - auf einer Anhöhe gelegen, bekannt für seine guten Rotweine war, soll Zeltingen zum gleichen Zeitpunkt nur aus wenigen Häusern bestanden haben. Die damalige Dominanz Rachtigs gegenüber Zeltingen wird aber auch an anderen geschichtlichen Eckpunkten deutlich: Schon vor dem 16. Jahrhundert war Rachtig Pfarrort der Orte Zeltingen, Erden und Lösnich und bildete damit das kirchliche Zentrum dieser Orte. Ebenso belegt ist, dass der churkölnische Amtsverwalter um 1500 seinen Sitz in Rachtig hatte. Die Beamtenfamilie Früauff regierte von hier aus über mehrere Generationen die Doppelgemeinde Rachtig-Zeltingen.  
Eine mündlichen Überlieferung besagt, dass im Laufe des 16./17. Jahrhunderts eine Epidemie (Pest, Cholera, o.ä.) in Rachtig viele Tote forderte. Als Folge wird die Verlagerung des Dorfes zu seinem heutigen Standort gesehen. Gleichzeitig wanderten Überlebende nach Zeltingen aus. Rachtig behielt zwar weiterhin die Mutterkirche und auch den Hof des Deutschen Ordens, die churkölnischen Amtsverwalter verlegten ihren Sitz dann aber nach Zeltingen. Während nun in Rachtig der klerikale Teil der Doppelgemeinde sein Zentrum hatte, wurden die wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Fragen in Zeltingen entschieden. So wurde Zeltingen nicht nur wegen seiner guten Weinlagen, sondern auch wegen seines Handels mit Weinen zu einem berühmten Weinort.  
Als dann nach dem Einzug (1794) der französischen Revolutionsarmee Zeltingen zur Mairie wurde (die unter den Preußen in das „Amt Zeltingen“ überging), war Zeltingen für die Menschen aus Wehlen, Ürzig, Wolf, Lösnich, Erden und Rachtig zentraler Verwaltungsort, was wiederum dem Handel und der Gastronomie in Zeltingen zu Gute kam.   Doch „Entwicklung“ bedeutet nicht immer, den Weg in eine Richtung zu nehmen. Mit der Verwaltungsreform im Jahre 1970 hatte Zeltingen seine zentrale Verwaltungsstellung in der Region verloren. Und der einst in Zeltingen so stark florierende Einzelhandel gehört zur Vergangenheit.  
Rachtig hatte die Rolle der Mutterkirche im Jahre 1803 aufgeben müssen, indem auch Zeltingen eine eigenständige Pfarrei zugesprochen wurde. Der Hof des Deutschen Ordens verlor seine Existenz zu der gleichen Zeit und ist heute schon seit langem zu einer Hotelanlage geworden. Und scheinbar stand Rachtig viele Jahre im wirtschaftlichen Schatten Zeltingens.   Aber die Geschichte steht nicht still: So war im 19. Jahrhundert fast durchgehend die Einwohnerzahl in Zeltingen dreimal höher als in Rachtig. Doch seit Mitte des letzten Jahrhunderts schrumpft die Zahl der Einwohner in Zeltingen kontinuierlich. Rachtig zählt heute schon ähnlich viele Einwohnern wie Zeltingen.  
Geht man heute durch die Straßen Zeltingen-Rachtigs, so ist unschwer zu erkennen, dass - trotz jahrhundertelanger Verbindung innerhalb einer Doppelgemeinde – beide Ortsteile ihre eigene Geschichte erlebten. Nicht selten fand ein zähes und engagiertes Ringen zwischen den Ortsteilen um die richtigen Entscheidungen statt. Doch vielleicht kann man ja aus der Geschichte lernen, dass die richtige Entscheidung nicht immer in dem großen Ganzen, sondern manchmal in der Summe seiner Einzelteile zu sehen ist.   Gerne würde ich in 200 bis 300 Jahren dabei sein, um zu sehen, wie die Geschichte der kleinen Doppelgemeinde an der Mosel weitergegangen ist.  
Aber vorerst wünsche ich Zeltingen und Rachtig „Alles Gute“ zu ihren Jubiläumsjahren.